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Borreliose

Landschaftspflege gegen die Zeckenplage

Kühe haben Blumen verdient, denn sie können der Volksgesundheit förderlich sein.

An einem warmen Tag durch Feld und Wald zu schweifen gilt längst nicht mehr als ungetrübtes Vergnügen. Das liegt an den dort lauernden Zecken. Schließlich sind die von den Blutsaugern oft übertragenen Krankheitserreger durchaus zu fürchten.

Neben den zur Frühsommer-Meningoenzephalitis führenden Viren können vor allem Bakterien der Gattung Borrelia eine ernste Erkrankung hervorrufen. Und gegen diese, die Lyme-Borreliose, existiert kein Impfschutz.

Weidende Kühe können das Risiko verringern

Die Zecke ist vor allem wegen der Borrelien-Bakterien gefährlich

Möglicherweise wird das Risiko, von einer Zecke gestochen zu werden und sich zu infizieren, infolge der sich abzeichnenden Klimaerwärmung mit milden Wintern und feuchtwarmen Sommern noch zunehmen. Vorhersagen sind aber schwierig.

Wie groß das Risiko ist, hängt nämlich von einem komplizierten, schwer durchschaubaren Zusammenspiel zwischen den Zecken, ihren Wirten, den Krankheitserregern und diversen Umwelteinflüssen ab. Auf einen überraschenden ökologischen Zusammenhang sind unlängst die Parasitologen Franz-Rainer Matuschka und Dania Richter von der Charité in Berlin gestoßen. Demnach können weidende Kühe das Borreliose-Risiko für den Menschen verringern.

An einem „Fehlwirt“ saugen

Die in Mitteleuropa am weitesten verbreitete Zecke, der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus), durchläuft verschiedene Entwicklungsstadien. In jedem davon benötigt sie eine Blutmahlzeit. Dadurch wird sie leicht zur Überträgerin von Krankheitserregern. Saugt die Zecke zum Beispiel im Larvenstadium an einer von Borrelien infizierten Maus und später, als Nymphe, am Menschen, kann das zu einer Lyme-Borreliose führen.

Das Spektrum der möglichen Wirte ist groß, es umfasst zum Beispiel kleine Nager, Füchse, Rehe und Vögel sowie Haus- und Nutztiere. Für die Borrelien ist aber nicht jeder dieser Wirte gleich gut geeignet. Manche stellen eine Sackgasse dar, weil sich die Bakterien in ihrem Körper kaum oder gar nicht vermehren können.

Dazu gehören etwa das Kaninchen und das Rind. Zecken, die an einem solchen „Fehlwirt“ saugen, werden daher nicht infektiös. Noch komplizierter wird das Geschehen dadurch, dass es bei den Borrelien eine große Vielfalt gibt, wie nicht zuletzt Forschungen der Arbeitsgruppe um Matuschka gezeigt haben. Die einzelnen Varianten zeigen wiederum Vorlieben für bestimmte Wirte.

Kühe auf „unrentablen“ Flächen

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Agrarlandschaft Mitteleuropas stark verändert. Das liegt an der intensiv betriebenen Landwirtschaft einerseits und der subventionierten Stilllegung von schwer zu bewirtschaftenden Flächen andererseits. Vielerorts sind Brachen entstanden, auf denen zuerst Büsche und später Bäume Fuß fassen. Auf solchen verwilderten Flächen herrschen oft gute Lebensbedingungen für Zecken.

Erst seit einiger Zeit gibt es wieder starke Bestrebungen, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, indem man die traditionelle Bewirtschaftung fördert. Wo zum Beispiel Kühe auf „unrentablen“ Flächen wie Streuobstwiesen und in Randbereichen von Wäldern weiden, bleibt eine offene, ästhetisch ansprechende Landschaft erhalten.

Auf der Jagd nach blutrünstigen Zecken

Dass Kühe nicht nur zur Landschaftspflege beitragen, sondern durch die Verringerung des Borreliose-Risikos auch der Volksgesundheit förderlich sind, haben die Berliner Forscher zuerst bei Untersuchungen in den nördlichen Vogesen herausgefunden.

Dort, in einem Biosphärenreservat der Unesco, wird extensive Weidewirtschaft betrieben. Ungefähr 250 schottische Hochlandrinder grasen das ganze Jahr über auf einem rund 200 Quadratkilometer großen Gebiet. Dieses ist zwar umzäunt, aber für Füchse, Igel und andere Tiere, die als Wirte für Zecken in Frage kommen, uneingeschränkt zugänglich.

Innerhalb und außerhalb des Zaunes gingen die Forscher auf die Jagd nach blutrünstigen Zecken, die im Gras auf Opfer lauerten. Dabei zeigte sich, dass die Fangquoten auf der unbeweideten Fläche doppelt so hoch waren. Wie sich bei molekulargenetischen Analysen weiter herausstellte, waren von den auf der nicht beweideten Fläche gefangenen Nymphen viermal so viele mit den krank machenden Bakterien infiziert wie von jenen, die man auf der Weide abgestreift hatte. Bei den ausgewachsenen Zecken betrug das entsprechende Verhältnis sogar sechs zu eins.

Mähen wirkt der Gefahr entgegen

Erklären lässt sich die geringere Zahl und Infektiosität der Zecken auf der Weide unter anderem damit, dass jedes Rind gleich von vielen Zecken aller Entwicklungsstadien befallen werden kann. Andere potentielle Wirte werden entsprechend verschont. Weil sich die auf Rinder übertragenen Borrelien nicht weiter vermehren, bedeutet das die Endstation für die Erreger, zumal die Zecken bei der Blutmahlzeit ihre infektiöse Fracht einbüßen. Außerdem verändert sich die Vegetation infolge der Beweidung, was wiederum dazu führt, dass den Zecken weniger der für die Erreger geeigneten Kleinnager und Vögel zur Verfügung stehen.

Inzwischen nehmen die Berliner Wissenschaftler solche Untersuchungen auch in extensiv bewirtschafteten Gebieten der Schwäbischen Alb und der Hohenlohe vor. Dabei zeichnen sich ganz ähnliche Ergebnisse ab. Wo Kühe, Schafe und Ziegen grasen, lauern viel weniger Zecken, und sollten Wanderer dort dennoch von einem dieser Blutsauger befallen werden, können sie wenigstens mit einem vergleichsweise geringen Borreliose-Risiko rechnen.

Auch Mähen wirkt der Gefahr entgegen, sich einen Zeckenstich und gar eine Lyme-Borreliose zuzuziehen. Falsch wäre es indes, gewissermaßen mit dem Brecheisen vorzugehen. Beweidung und Mähen sollten vielmehr auf die örtlichen Bedingungen abgestimmt werden, damit sie den bestmöglichen Effekt erzielen. Noch aber sind nicht alle Teile des ökologischen Puzzles bekannt, geschweige zusammengefügt.

Quellennachweis :  F.A.Z.